Selbstkultivierung und Anleitung zur Lebensführung in japanischen Neureligionen

Leitung: Dr. Monika Schrimpf

Erkenntnisinteresse

Bei diesem Habilitationsprojekt handelt es sich um eine empirische Studie, in der zwei japanische Neue Religionen, Shinnyo-en und Perfect Liberty (PL) Kyōdan im Hinblick auf ihren Diskurs über Selbstkultivierung und Lebensberatung näher untersucht werden. Ihr liegt die in Feldstudien gemachte Beobachtung zugrunde, dass neureligiöse Bewegungen in Japan durch eine spezifische Art individualisierter Religiosität gekennzeichnet sind. Diese zeigt sich z.B. in der Bedeutung, die der individuellen Anleitung zur Lebensführung (michibiki) beigemessen wird. Religiöse Lehren werden hier nicht primär als Wissenskomplex vermittelt, den die Mitglieder kennen und als wahr anerkennen sollen; vielmehr werden sie im Hinblick darauf interpretiert, wie sie sich im Leben jedes einzelnen Mitgliedes auswirken und welche Relevanz sie für subjektive Lebensentwürfe besitzen.

Um diese spezifische Art von Religiosität zu untersuchen, wurden zwei Neureligionen gewählt, die sich in doktrinärer Hinsicht zwar stark unterscheiden, die sich aber unter ähnlichen historischen Bedingungen entwickelt haben. In beiden Gruppen ist die moralische Selbstkultivierung ein zentrales Moment ihrer Lehren und Praxis. In der vorliegenden Studie steht jedoch nicht die Ebene religiöser Lehren im Vordergrund, d.h. ‚Selbstkultivierung‘ interessiert hier nicht primär als Konzept, wie es in den Schriften der Gründer oder anderer autorisierter Autoren zum Ausdruck kommt. Vielmehr setzt sich die Arbeit a) mit dem Diskurs über Selbstkultivierung auseinander, d.h. mit der kommunikativen Konstruktion dieses Konzeptes in institutionalisierten Gesprächskreisen, sowie b) mit der Perspektive der Laien, d.h. mit ihren Deutungen und den Bedeutungen, die sie dem Thema Selbstkultivierung für ihre individuelle Lebenspraxis zuschreiben.

Die Bedeutung, die der Anleitung zur Selbstkultivierung zukommt, zeigt sich unter anderem in dem vielfältigen Angebot an Beratungsaktivitäten. Beide Gruppen bieten ihren Mitgliedern dyadische face-to-face Konsultationen mit religiösen Experten, d.h. ranghöheren und als spirituell fortgeschritten anerkannten Mitgliedern an. Daneben sind regelmäßige Gesprächskreise wichtige Foren, in denen Beratung zu individuellen Problem- oder Konfliktsituationen erbeten und gegeben wird. Als zentrale Arenen des mündlichen Diskurses in beiden Gemeinschaften sind diese Treffen der Hauptgegenstand meiner Studie. Bewusst wurde dabei der Schwerpunkt auf mündliche Kommunikation gelegt, anstatt konsultative Literatur oder Texte zur Selbstkultivierung zu untersuchen. Während Schriften zwar die jeweils grundlegenden Prinzipien der Selbstkultivierung erklären, ihre Realisierung und Folgen illustrieren können, zeigt der Diskurs über Selbstkultivierung als kommunikative Praxis, wie Mitglieder dieses Wissen rezipieren und es in der kommunikativen Interaktion neu produzieren bzw. transformieren. 

 

 

Diskursbeschreibung

Die Untersuchung hat in beiden Gemeinschaften einen Diskurs rekonstruiert, der durch ähnliche Strukturen der Verknüpfung zentraler Themen, Äußerungsformen und hierarchischer Instanzen, sowie der Relation zu anderen Diskursen bzw. nicht-diskursiven Praktiken charakterisiert ist. Im Einzelnen ist er durch die folgenden Charakteristika bestimmt:

1) Die vier thematischen Schwerpunkte (a) Aushandlung von Normen, (b) Beurteilung biographischer Ereignisse, (c) Lebens- und Konfliktberatung, (d), Konstruktionen von Selbst und von Selbst-Transformation en Diskurs.

2) Die Kombination hierarchischer und offener Diskursstrukturen

3) Die Kombination exemplarischer Fälle mit allgemeinen Richtlinien

4) Die Bezugnahme auf das Selbst

5) Die Interdependenz von moralischem und therapeutischem Diskurs

 

Ergebnisse

In der Arbeit wird ein spezifischer Typus neureligiösen Diskurses herausgearbeitet, der auf eine ganz bestimmte Art und Weise die Brücke zwischen theoretischen Konzepten und persönlichen Alltagserfahrungen der Mitglieder schlägt: es bedarf der Kommunikation alltäglicher Erfahrungen, um theoretische Konzepte zu validieren. Lehren über das Selbst, dessen Manifestation im Handeln und die sozialen Folgen müssen in den Erfahrungen und Gefühlen der Mitglieder Resonanz finden, um plausibel zu sein. In diesem Sinne validiert die diskursive Praxis in institutionalisierten Zusammenkünften die theoretischen Konzepte, wie sie in Schriften und Predigten zum Ausdruck kommen.

Konventionelle Segmentierungen religiöser Gruppierungen in Lehre / Theologie, rituelle Praxis / Kult und Ethik / Anthropologie legen die Analyse kanonischer Lehren, ritueller Aktivitäten, moralischer Normen und ethischer Theorien nahe. Sie lenken den Blick fort von kommunikativen Settings und diskursiven Strukturen, die zur Lösung des existentiellen Problems dienen, eine Balance herzustellen zwischen der Kultivierung eines offenen Diskurses über die Lehren auf der Basis individueller Erfahrung und der Notwendigkeit, diesen Diskurs zu beschränken und Konsens herbeizuführen, um die Stabilität der Gemeinschaft zu bewahren. Dies ist ein Erfordernis nicht nur japanischer Neureligionen, sondern aller Gemeinschaften, die auf die Internalisierung einer bestimmten Form der Lebensführung zielen oder eine individuelle Erfahrung des wahren Selbst behaupten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Der auf die diskursive Praxis hin orientierte Ansatz dieser Arbeit erschließt daher nicht nur die Form und Funktion neureligiöser Diskurse. Er stellt gleichzeitig die Angemessenheit der oben genannten Kategorien zur Beschreibung der Struktur von Neureligionen in Frage.

 

 

Universität Bayreuth -