Nachwuchsforschergruppe "Islamische Gegenwartskulturen" an der Universität Bayreuth zum Thema:

Schiiten und schiitische Religiosität der Gegenwart

Die Nachwuchsforschergruppe legte ihren Schwerpunkt in der ersten Förderphase (2014-2017) auf die Erforschung schiitischer Religiosität in Deutschland. Auf der Grundlage einer Bestandsaufnahme schiitische Akteure, Organisationen und ‚Ritualgemeinschaften‘ wurde untersucht und danach gefragt, in welchem Maße und mit welcher Spezifik schiitische Diskurse und Praktiken in Deutschland nachzuweisen sind. Dabei waren und sind wir insbesondere an der internen Diversität einerseits wie auch nach der Einbindung dieser Gruppen in transnationale Netzwerke zwischen anderen europäischen Diasporagemeinden sowie Herkunftsländern andererseits interessiert. Von besonderer Relevanz ist darüber hinaus, welche Rolle ‚Schiitentum‘ und schiitische Identitätskonstruktionen im ‚gesamtislamischen‘ deutschen Feld sowie auch im Rahmen der staatlichen Institutionalisierung von ‚Islam‘ in Deutschland spielen. Ein wichtiger Aspekt schiitischer Religiosität in Deutschland ist dabei das dynamische Verhältnis spezifisch schiitischer Artikulationsformen und Praktiken auf der einen Seite, und die Verortung als Muslime im gesamtislamischen Feld auf der anderen Seite – eine Dynamik, die im europäischen, wie auch globalen Vergleich in hohem Maße schiitische Diasporagemeinden durchdringt. Dieser Befund hat auch nötig gemacht, diese Prozesse und Artikulationen von Einheit und Pluralität im islamischen Feld in den Forschungsfokus zu rücken. Befunde zu  gemeinsamer Ritualpraxis, geteilten semiotischen Repertoires und historischer Narrativen beispielsweise schiitischer und alevitischer Gruppen zwangen dazu, häufig als zu statisch gedachte Übergänge zwischen Religionstraditionen (als Konfessionen gedacht) in Frage zu stellen.

In engem Austausch mit internationalen Forschungspartnern konnte die Forschung zu Schiiten in Deutschland so an internationale Forschungskontexte, wie auch an globale Fragen religiöser Identitätskonstruktion in Minderheitenkontexten angeschlossen werden. Die zunächst notwendige Bestandsaufnahme schiitischer Akteure in Deutschland hat dabei auch schnell gezeigt, dass diese schiitischen Gemeinschaften stark in transnationale Netzwerke eingebunden sind, die auch den regelmäßigen Verkehr von religiösen Spezialisten aus der Türkei, Aserbaidschan oder Iran zu festlichen Anlässen, wie z.B. Ghadir Khumm, nach Deutschland sicherstellen. Aus diesem Grund wird nun beabsichtigt, die Forschungsperspektive für die zweite Förderperiode (2017-2022) auf diese transnationalen Netzwerke auszuweiten. Schwerpunkt liegt dabei auf der schiitischen Gemeinschaft der Türkei, der Caferiye. Es soll dabei in einer longue durée Perspektive nachvollzogen werden, wie zum einen die Migrationsgeschichte der Caferis aus der Türkei nach Deutschland verlief und welche Akteure, Netzwerke und Prozesse dabei zum anderen identifiziert werden können, die diese Caferis zu einem wichtigen Akteur unter den schiitischen Gemeinschaften in Deutschland hat werden lassen.

Die Nachwuchsgruppe arbeitet mit der Nachwuchsgruppe Norm, Normativität, Normwandel (Leitung Abbas Poya) and der FAU Erlangen / Nürnberg (Department für islamisch-religiöse Studien) eng zusammen. Dabei wurde in den letzten Jahren eine Reihe von Querschnittsthemen erarbeitet, die die jeweiligen individuellen Forschungsarbeiten in den Nachwuchsgruppen befruchten und die von religionswissenschaftlichen, wie auch islamisch-theologischen Ansätzen beforscht werden können. Zu diesen Queschnittsthemen gehören etwa „islamische Lehr- und Lernkulturen in Geschichte und Gegenwart“ (gemeinsamer Workshop 2016) sowie Fragen nach dem „Verhältnis von Einheit und Pluralität im islamischen Feld“ auf der anderen Seite (gemeinsamer Workshop 2018). Auch angesichts der Tatsache, dass sich islam-bezogene Forschung erst seit jüngerer Zeit mit Pluralität du Ambiguität innerhalb islamischer Religionstraditionen auseinandersetzt und in außerwissenschaftliche Diskursen wenig sichtbar ist, haben beide Arbeitsbereiche zum Ziel, theologische sowie auch islam- und religionswissenschaftliche Perspektiven auf Pluralität im islamischen Feld zu eröffnen und diese weiter zu entwickeln.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Benjamin Weineck, M.A.

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